Aus Kiew berichtet Benjamin Bidder
Als Julija Timoschenko den Saal in Besitz nimmt, weiß sie, dass sie keine Mehrheit hat. Die Ukrainer haben sie nicht zur Präsidentin gewählt. Die Zahlen von Wählerbefragungen nach der Stimmabgabe - die sogenannten Exit Polls - sagen es, die Hochrechnungen auch. In eine leuchtend weiße Robe gewandet, eine glänzende Brosche an der Brust, strebt sie der kleinen Tribüne in ihrem Wahlkampfstab entgegen. Den Weg durch einen Pulk von Anhängern und Journalisten bahnt sie sich mit energischen Schritten. "Ich bin überzeugt," verkündet sie dann, "dass die Mehrheit der Bürger für eine demokratische, europäische und starke Ukraine gestimmt hat."
Mit rund 46 Prozent kann sie rechnen, Rivale Wiktor Janukowitsch kommt auf 48 Prozent, die restlichen Wähler lehnen beide ab: Sechs Prozent stimmten "gegen alle".
Unentschieden heißt das wohl in der Logik Timoschenkos, weil Janukowitsch die 50-Prozent-Marke ebenfalls verfehlt hat. Nach ukrainischem Wahlrecht ist das zwar unerheblich, es reicht die einfache Mehrheit. Doch die noch amtierende Premierministerin mit dem markanten Zopf weigert sich, die Niederlage anzuerkennen. Sie hält sich die Möglichkeit offen, die Wahlen vor Gericht anzufechten, wegen angeblicher Fälschungen. Weil jeder Stimmzettel entscheidend sein könnte, sagt sie.
Der Konflikt könnte auf der Straße eskalieren
Nach der Stichwahl um das Präsidentenamt droht der Ukraine wieder ein Patt, eine erneute Hängepartie mit ungewissem Ausgang. Zwar zeichnet sich nach Auszählung von mehr als 70 Prozent der Stimmen ein Sieg Janukowitschs ab, doch der Vorsprung schmilzt. Schon bereitet sich der "Block Julija Timoschenko" darauf vor, das Ergebnis der Wahl vor Gericht anfechten zu lassen.
Seit Monaten ringen die beiden Lager um Einfluss auf die Justiz, jetzt könnte den Gerichten eine entscheidende Rolle zukommen. Auch auf der Straße könnte der Konflikt eskalieren. Timoschenko hatte bereits vor der Wahl mit massiven Protesten und einem "neuen Maidan" gedroht. Der Platz der Unabhängigkeit im Herzen Kiews ist zu einem Synonym für die "Orangene Revolution" 2004 geworden, als Hunderttausende gegen den mit Wahltricksereien errungenen Sieg Janukowitschs protestierten - und mit Wiktor Juschtschenko den einstigen Kampfgefährten Timoschenkos in das höchste Staatsamt trugen.
Dieses Mal will Janukowitsch die Vormacht über die Straße seinem Gegner nicht kampflos überlassen: 50.000 Teilnehmer erwartet er schon am Montag zu einer Großkundgebung bei der zentralen Wahlkommission in Kiew.
"Das Wahlergebnis ist eine Überraschung", sagt Wadim Karasew, Direktor des Kiewer Instituts für Globale Strategien. "Drei, vier Prozent zwischen beiden Kandidaten, das ist für ukrainische Verhältnisse ein Foto-Finish." Jetzt steuere das Land geradewegs auf die nächste schwere politische Krise zu. Selbst wenn Janukowitsch sich am Ende durchsetzt: An seiner Präsidentschaft wird der Makel anhaften, dass die Hälfte der Wähler gegen ihn gestimmt hat.
Noch ist auch unklar, ob es der Partei der Regionen gelingen wird, eine stabile Koalition im Parlament zu schmieden - und dann Timoschenko zu feuern, die noch immer als Premierministerin amtiert. "Ich danke allen Wählern", sagte Janukowitsch am Sonntag in seiner kurzen Siegesansprache, "auch jenen, die nicht für mich gestimmt haben." Er verspricht, das zerrissene Land zu einen. Aber ob er es kann?
Der Osten steht hinter Janukowitsch
In der eigenen Hauptstadt ist er fast ein Fremder: In Kiew hat er nur 25 Prozent erreicht. In keiner einzigen westlichen oder zentralen Region des Landes hat Janukowitsch mehr Stimmen als Timoschenko erreicht. Dafür steht der von Schwerindustrie geprägte russischsprachige Osten weiter hinter Janukowitsch: 90 Prozent in seiner Heimat Donezk, 88 Prozent in Lugansk, 79 auf der Krim.
Am Sonntag bezogen beide Lager ihr Hauptquartier im Herzen von Kiew: Timoschenko im noblen Hyatt, Janukowitsch im Intercontinental. Wenn sie gewollt hätten, sie hätten einander sehen können: Beide Häuser liegen nur einen Steinwurf voneinander entfernt, das Intercontinental im Schatten des prachtvollen St. Michaelsklosters, das Hyatt gleich neben der erhabenen Sophienkathedrale. Auf den Vorplätzen hatten die Rivalen ihre Präsidentschaftskampagnen mit großen Kundgebungen beendet, Timoschenko mit einem kunstvoll inszenierten "Gebet für das Vaterland".
Die beiden Kirchen lagen sich in der Wahlnacht wie zwei mächtige Festungen gegenüber, die Zinnen schimmerten golden. Es war ein Sinnbild für die beinahe gleichstarken Lager.
Timoschenko und Janukowitsch erscheinen jetzt beide mächtig, hinter jedem der beiden Kandidaten schart sich das halbe Land.
Und beide sind gleichzeitig zu schwach, um die Ukraine zu einen.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema Ukraine | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH