Dieter Graumann, bislang Vizepräsident des Zentralrats der Juden, gilt als Favorit für die Nachfolge von Charlotte Knobloch.
Er hat schon viele Ämter ausgefüllt, zwölf Jahre lang war Dieter Graumann sogar Präsident eines Sportvereins. Den jüdischen Klub Makkabi Frankfurt leitete er, als seine Spieler in den Neunzigern auf dem Platz übel beschimpft wurden. "Euch hat man wohl vergessen zu vergasen" - solche Sprüche mussten sie sich anhören.
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Zwölf Jahre lang war Dieter Graumann Präsident eines jüdischen Sportvereins in Frankfurt. Im November könnte er an die Spitze des Zentralrates der Juden rücken. (© Foto: ddp)
Bis heute ärgert es den früheren Präsidenten, wie er damals beim Deutschen Fußballbund anklopfte und vergeblich um Hilfe bat. Erst als die Presse berichtete, fand er plötzlich ganz rasch Gehör.
In seinen Ämtern hat Graumann viel gelernt über die Deutschen und ihr Verhältnis zu den Juden. Mittlerweile ist er aufgestiegen zum Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden - mit viel Einsatz, bisweilen auch etwas ungestüm, wie man im Fußball sagt.
Im November könnte er nun ganz an die Spitze rücken, als Nachfolger für die unfreiwillig ausscheidende Charlotte Knobloch. Dass er es gerne machen würde, daran zweifelt niemand. Zu zielstrebig hat sich der Unternehmer in den vergangenen Jahren nach oben gearbeitet.
Graumann wäre der erste Präsident des Zentralrats, der die Shoah nicht erlebt hat. Und doch ist sie Teil seines Lebens. Seine Eltern sind dem Massenmord nur knapp entronnen.
Sechs Konzentrationslager hatte der Vater überlebt, als er in einem Flüchtlingscamp bei Frankfurt die Mutter kennenlernte. Da war der Krieg gerade vorbei, aber das Leid noch lange nicht. Deutschland wollten sie für immer verlassen, sie wanderten aus nach Israel, doch das heiße Klima konnte der stark geschwächte Mann nicht lange ertragen. Also kehrten sie zurück. Nur kurze Zeit wollten sie sich im Land ihrer Peiniger erholen. Sie sind geblieben.
Ignatz Bubis hat ihn gefördert und geprägt
Damals war Dieter, der Sohn, eineinhalb Jahre alt. Heute ist er 59 und vermietet zahlreiche Büroräume in Frankfurt - ein Job, der ihn nicht ganz auszulasten scheint.
Ignatz Bubis motivierte ihn einst für den Rat der jüdischen Gemeinde in Frankfurt, nahm ihn früh zu hochrangigen Gesprächen mit. An seinem Mentor bewunderte Graumann vor allem eines: den politischen Instinkt. Es folgten viele Posten für den energischen und promovierten Volkswirt, der während seiner Doktorarbeit nebenbei für die Bundesbank an Konjunkturprognosen schrieb.
Inzwischen sagt Graumann sein Instinkt offenbar vor allem, dass es so nicht weitergehen kann mit dem Zentralrat. Am 9. November 2009 hielt er in der Paulskirche eine Ansprache, die im Nachhinein als Bewerbungsrede für das höchste Amt der deutschen Juden herhalten kann. Der Zentralrat müsse sich neu besinnen und wandeln, sagte er. "Vom tristen, ewig ungeliebten Dauermahner und vom chronisch brummigen Dauerwarner zum putzmunteren Antreiber und Impulsgeber."
Kann er den großen Anspruch erfüllen?
Ungewohnte Worte waren das, ungewohnt deutlich. Vor allem, als Graumann sich noch über die "sauertöpfische Übellaunigkeit" des Gremiums mokierte, dem er selbst angehörte. Auch wenn er über die Shoah spricht, klingt Graumann anders als viele. Natürlich sei sie eine Herzenssache für die deutschen Juden. Aber niemals dürfe sie "zur Ersatzidentität werden, schon gar nicht zur Ersatzreligion", sagte er.
Das klingt nach einem, der sich weniger um die Vergangenheit kümmern will als um die Zukunft, etwa um die Integration der zugewanderten Juden aus Osteuropa.
Und doch zweifeln Kritiker daran, ob der findige Verhandler, der 2004 so lange mit der abtrünnigen Union progressiver Juden sprach, bis die Spaltung abgewendet war, den großen Anspruch erfüllen kann: Schließlich soll der Zentralrat in Deutschland seit jeher auch eine moralische Instanz sein.
Um diese Rolle auszufüllen, braucht es mehr Tiefsinn als Forschheit. Graumann kann wohl bald zeigen, ob er von Ignatz Bubis auch das gelernt hat.
(SZ vom 09.02.2010/vbe)
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Egal wer den ZDJ in Zukunft führt, solange der ZDJ nicht tatsächlich der Zentralrat der Juden in Deutschland ist, sondern eher ein unreflektiertes und unkritisches Sprachrohr der Zionisten und Propagandaorgan der israelsichen Regierung, solange wird sein Ansehensverlust, der spätestens seit dem Tod des ehrenwerten Herrn Bubis einsetzte, nicht aufzuhalten sein.
Wir erinnern uns alle nur zu gut an den peinlishcen und shcändlichen Auftritt des ZDJ am Marienplatz, als es darum ging den Mord und die massiven Verbrechen in Gaza zu rechtfertigen und alle Schuld und Verantwortung von sich zu waschen.
Die Mitglieder der jüdischen Gemeinde wollen nach über 60 Jahren der Shoa endlich in Deutschland wieder als normale Bürger wahrgenommen werden ohne dass ihnen einen Minderheitenstatus gönnerhaft zugestanden wird. Dieser Wunsch ist nur allzu berechtigt. Doch intern wird die jüdische Gemeinde für sich Fragen nach ihrem zukünftigen Auftreten und Einmischen in Fragen der deutschen Gesellschaft beantworten müssen. Für mich ist es selbstverständlich, dass
Juden der Shoa-Generation sich verpflichtet fühlen, den toten Brüdern und Schwestern aus den Vernichtungslagern eine Stimme zu geben und ihre traumatischen Erfahrungen immer wieder einbringen gegen Personen und Gruppierungen, die Ausgrenzung, Nationalismus und Intoleranz propagieren.
führende Vertreter der Nicht-Shoa-Generation formulieren, dass es zu kurz gegriffen ist für deutsche Juden, wenn man sich ausschließlich über die Holocaust-Erfahrungen definiert.
Eine Rückbesinnung auf die großartigen Beiträge in den Bereichen Wissenschaft, Kultur, Literatur, Wirtschaft, Politik und Industrie sollten einen mutigen Neuschritt beflügeln zur Intensivierung einer aktiven Mitgestaltung unseres gemeinsamen Landes.
Paul Haverkamp, Lingen
"Aber niemals dürfe sie "zur Ersatzidentität werden, schon gar nicht zur Ersatzreligion", sagte er."
mag sein, daß es die betroffenen selbst nicht gemerkt haben, aber es gibt auch eine Außenansicht. Dank der "unermüdlichen Arbeit" ihrer derzeitigen (und früheren) Vorsitzenden haben sie es geschafft, selbst bei neutralen Mitbürgern eine desinteressierte bis ablehnende Haltung herbeizuführen. Was ich persönlich für sehr bedauerlich halte.